lbach Orgel


Die Ibach-Orgel nach der Renoviertung in der Kirche in Fleckenberg im Schmallenberger Sauerland.
Kath. Kirche St. Antonius in Fleckenberg im Schmallenberger Sauerland.

Die Orgel der St.-Antonius-Kirche in Fleckenberg hat eine ungewöhnliche und abenteuerliche Geschichte. Gebaut wurde sie – bereits vierzig Jahre vor dem heutigen Kirchenbau – im Jahre 1865 für die Synagoge in Aachen, wo sie bis 1905 ihren Dienst für die jüdische Gemeinde versah. In diesem Jahre jedoch stiftete „ein reicher musikalischer Herr“ namens Marx eine neue, hochmoderne Orgel für die Synagoge, so dass die alte Orgel überflüssig wurde. Der Gemeinde Fleckenberg wurde am 20.05.1905 die alte Orgel von dem Aachener Orgelbauer Eduard Stahlhut, der die neue Orgel für die Synagoge liefern sollte, für einen „außerordentlich niedrigen“ Preis angeboten. Die Orgel wurde - nach einer Besichtigung - von Stahlhuth sofort abgebaut und nach Fleckenberg geschafft. Dort wurde sie im Jahre 1906 von dem Orgelgbauer Tennstädt aus Lippstadt in der Kirche aufgestellt – jedoch ohne den ursprünglichen Prospekt.

Die heute in Fleckenberg stehende Orgel ist eines der wenigen erhaltenen Instrumente aus der bedeutenden Werkstatt Ibach in Barmen, die fast 100 Jahre bestand und eine wichtige Rolle im frühromantischen Orgelbau spielte. Stammvater dieser Orgelbauerfamilie, aus der auch die bekannte Klavierfabrik Ibach hervorgegangen ist, war Johann Adolph Ibach (1766 – 1848), der 1794 in Barmen eine Werkstatt für Klavier- und Orgelbau gründete. Laut Firmenkatalog wurde die Fleckenberger Orgel im Jahre 1865 von der Werkstatt Rudolf Ibach Söhne in Barmen gebaut, sie hatte danach 24, Register, die auf zwei Manuale und Pedal verteilt waren. Da sich keine Unterlagen über den Bau erhalten haben, gibt lediglich die Dispositonsaufzeichnung in Heinrich Böckelers Schrift „Beschreibung der neuen Orgel im Kurhaushalle zu Aachen“, Aachen 1876 die verschiedene wichtige Orgeldispositonen dieser Zeit mitteilt, über den Klangaufbau der Orgel in der Synagoge Auskunft.

1955 entschloss sich die Gemeinde, die bis dahin praktisch ohne Reparaturen und ohne Prospekt im Turm der Fleckenberger Kirche stehende Orgel grundlegend zu überholen. Die Überholung der Orgel wurde 1955/58 durch den Orgelbauer Franz Breil, Dorsten durchgeführt. Dabei erhielt die Orgel erstmals eine schlichte Umkleidung.

Trotz des fehlenden originalen Prospekts ist die Fleckenberger Orgel mit ihren 25 Registem die größte und in der Substanz am besten erhaltenen Ibach-Orgel in Westdeutschland, sind doch 80 Prozent des Pfeifenbestands und sämtliche Windlagen original vorhanden. Die Notwendigkeit einer strengen Restaurierung des Instrumentes nach heutigen Grundsätzen der Denkmalpflege war damit in jeder Hinsicht gegeben und wurde auch von der Gemeinde gesehen. Nach der Ausschreibung wurde die Werkstatt Kreienbrink in Osnabrück aufgrund des günstigeren Angebotes und ihrer nachweislich besondern Kenntnis des Ibachschen Stils zu Anfang des Jahres 1997 mit der Restaurierung beauftrag.

Nachdem der Auftrag zur Restaurierung der Orgel erteilt war, ergaben sich unerwartet jedoch neue Schwierigkeiten. Inzwischen waren interessierte Kreise auf die Tatsache aufmerksam geworden, dass sich in Fleckenberg eine Orgel aus einer jüdischen Synagoge erhalten hatte. Da diese Instrumente, die in Deutschland eine eigene Tradition verkörperten, durch die Zerstörung der Synagoge während des nationalsozialistischen Regimes sämtlich vernichtet waren gab es mehrer Versuche, die Fleckenberger Orgel für ein jüdisches Kulturzentrum in Deutschland wiederzugewinnen. Nachdem sich das Angebot bereits 1995 zerschlagen hatte, tauschte im Sommer 1997 plötzlich der dringende Wunsch von israelischer Seite auf, die Orgel für einen Konzertsaal der Universität in Tel Aviv zu übernehmen. Nachdem Zweifel aufkamen, dass die historische Orgel eine solche Translokation in ein völlig anders Klima kaum überstehen würde, konnte die Orgel schließlich für Fleckenberg erhalten werden. Ziel der Restaurierung war die Wiederherstellung der ursprünglichen Klanggestalt und der Aufstellung des Orgelwerks, die sich aus den Berichten über die Größe des Prospekt und die seitliche Anordnung der Spielanlage eindeutig ergab.

Am Palmsonntag, dem 16. April 2000 wurde die restaurierte Orgel geweiht.

Text von Winfried Schlepphorst, Orgelsachverständiger, aus der Festschrift zur Orgelweihe.